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Carmen Cartellieri: Der Stern, der sich Teschen nannte

Am meisten mag ich Teschener Motive an unerwarteten Orten. Eine der berühmtesten österreichischen Filmschauspielerinnen der Zwischenkriegszeit verwendete das Pseudonym Carmen Teschen. Und in ihrer Biografie finden sich Teschener Bezüge.


Ankündigung des Films Anjula mit dem Namen „Carmen Teschen“
Ankündigung des Films Anjula mit dem Namen „Carmen Teschen“

Ich wollte unbedingt ein Filmplakat mit dem Namen Carmen Teschen finden, aber es ist mir lediglich gelungen, eine solche Ankündigung des Films Anjula über die Abenteuer eines Zigeunermädchens auszugraben. Es war de facto ihr österreichisches Debüt; zuvor hatte sie ausschließlich in ungarischen Filmen gespielt. Schnell stellte sie fest, dass der Name Teschen für das österreichische Publikum … zu vertraut war. In den folgenden Filmen trat sie unter ihrem Mädchennamen auf, der ausgesprochen filmisch war – Cartellieri.


Franziska Cartellieri wurde 1891 in Proßnitz in Mähren geboren. Aufgrund der Arbeit ihres Vaters (er war Eisenbahnbeamter) wechselte die Familie häufig den Wohnort. Schließlich gelangte sie nach Hainfeld, etwa 60 Kilometer westlich von Wien.


Emanuel Ziffer
Emanuel Ziffer

Im Jahr 1909 heiratete die achtzehnjährige Franziska Emanuel Ziffer. Emanuel studierte Naturwissenschaften, war von Ausbildung Chemiker und interessierte sich für Fotografie und Film. Doch der Name Ziffer ist verdächtig vertraut. Er wurde von einer bekannten jüdischen Familie aus Teschen getragen, und es stellte sich heraus, dass dies die richtige Spur war. Emanuels Großvater war Emanuel Ziffer, geboren 1833 in Teschen, von Beruf Ingenieur, der nach Abschluss seines Studiums zum Katholizismus konvertierte. Er spezialisierte sich auf den Eisenbahnbau. Damit es nicht allzu idyllisch wirkt: 1873 wurde Ziffer wegen des Verdachts auf finanzielle Veruntreuung verhaftet, doch offenbar endete alles zu seinen Gunsten, und er setzte seine erfolgreiche berufliche Laufbahn fort.

Im Jahr 1910 wurde er in den Adelsstand erhoben und führte fortan den Namen Ziffer von Teschenbruck (Teschen – nach dem Geburtsort, Bruck – auf Deutsch „Brücke“). Die Nobilitierung zog eine Namensänderung der gesamten Familie nach sich. Ein entsprechender Vermerk fand sich auch im Taufeintrag der einzigen Tochter von Franziska und Emanuel (dem Jüngeren), der 1910 geborenen Gertrud (Ruth).


Franziska Ziffer von Teschenbruck, die unter dem Pseudonym „Carmen Teschen“ auftrat
Franziska Ziffer von Teschenbruck, die unter dem Pseudonym „Carmen Teschen“ auftrat

Franziska blieb bis 1917 Hausfrau. Erstmals trat sie 1917 vor die Kamera, und Entdecker ihres Talents war Cornelius Hintner. Später drehte sie in Ungarn mehrere Filme unter dem Pseudonym Carmen Teschen. Den Vornamen wählte sie, um italienischer zu klingen, während der Nachname – selbstverständlich – indirekt von der schönen Stadt an der Olsa stammt.


Im Jahr 1919 kehrte Franziska Ziffer von Teschenbruck nach Wien zurück. Als Carmen Teschen trat sie noch im Film Anjula auf, und später wurde sie bereits als Carmen Cartellieri zu einer der größten Filmstars des damaligen Österreichs. Einige Filme mit ihrer Beteiligung wurden von ihrem Ehemann inszeniert, der dabei gewöhnlich als Mano (Manó) Ziffer-Teschenfeld auftrat. Der Höhepunkt von Carmens Popularität fiel in die erste Hälfte der 1920er Jahre. Cartellieri war gelegentlich auch als Produzentin tätig.


Die Aufzählung der Filmtitel, in denen sie mitwirkte, ergibt wenig Sinn, doch einer darf nicht unerwähnt bleiben. Es handelt sich um das Historienepos Das Schicksal derer von Habsburg, was sich frei als Tragische Schicksale der Habsburger übersetzen lässt. Der Film hatte 1928 Premiere.


Und hier erscheint, gleichsam als Krönung der Filmkarriere von Carmen Cartellieri, erneut ein Teschener Motiv: Sie verkörperte nämlich die Rolle der Gräfin von Larisch. Gemeint ist Gräfin Marie Wallersee, eine Nichte der Kaiserin Sisi, die 1877 den Grafen Georg Larisch heiratete und eine Zeit lang auf dem Schlösschen in Piersna im damaligen Herzogtum Teschen lebte. In dem Film trat neben Carmen Cartellieri auch Leni Riefenstahl auf, die spätere berüchtigte nationalsozialistische Propagandistin.

Die Karriere von Carmen Cartellieri endete, wie bei vielen Schauspielerinnen des Stummfilms, mit dem Aufkommen des Tonfilms. Sie starb 1953 in Wien.



Quellen:

„Gwiazdka Cieszyńska” 1873 [tam o aresztowaniu Ziffera].

„Neue Kino-Rundschau” 1917.


Fachliteratur:

Denk A., Cartellieri, Carmen (Franziska Ottilia); verheiratete Ziffer von Teschenbruck, Ps. Carmen Teschen (1891–1953), Schauspielerin, [w:] Österreichisches Biographisches Lexikon ab 1815 (2. überarbeitete Auflage - online), 2019.

Dassanowsky Robert von, Carmen Cartellieri, [w:] Women Film Pioneers Project, New York 2013.

Die Publikation „Der Stern, der sich Teschen nannte – Carmen Teschen“ erschien ursprünglich auf der Website des Autors: https://www.morystwarowski.com/2025/07/gwiazda-ktora-nazwaa-sie-cieszynem.html

 
 
 

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