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Friedrich Uhl - Ein Schlesier, der Wien erschütterte.

Aktualisiert: 21. Feb.

Er war einer der einflussreichsten Persönlichkeiten in der Hauptstadt der Habsburgermonarchie. In Wien wurde er als "gefürchteter Literaturkritiker" bezeichnet. Friedrich Uhl bekleidete 28 Jahre lang die Position des Chefredakteurs der Wiener Zeitung und machte sie zu einer der bedeutendsten Publikationen in Europa.


Friedrich Uhl w 1900 roku
Friedrich Uhl im Jahr 1900. © Archiv; bearb. v. Ph. Angelov

Nachdem er den Brief gelesen hatte, wurde er wütend. Er warf seinen vergoldeten Füllfederhalter gegen die Wand. Er konnte nicht glauben, dass er verloren hatte. Über fünf lange Monate hinweg hatte er einen Streit mit Erzherzog Franz Ferdinand über einen Artikel geführt, der Ende letzten Jahres in der Wiener Zeitung erschienen war.


Der Monarch betrachtete ihn als beleidigend und schändlich, während Uhl ihn als eine Meinung ansah, die genauso wie jede andere das Recht auf freie Äußerung habe. Beide gaben nicht nach. Dieses Mal verlor jedoch der Letztere den Kampf Habsburg gegen Uhl. Nach 28 Jahren musste er den Chefsessel der wichtigsten Zeitung der Habsburgermonarchie räumen. Einer Zeitung, die er zu einer bedeutenden Stimme in ganz Europa gemacht hatte.


Friedrich blickte aus dem Fenster. Er brauchte frische Luft. Die Nachricht, dass es vorbei war, erhöhte den Druck für den 75-Jährigen. Er zog eine Zigarette aus seinem mit Perlmutt verzierten Etui und begann, seine Lungen mit Tabakrauch zu füllen. Nach einem Moment kehrte er zurück ins Innere. Er begann, sich in seinem Büro umzusehen.

Frida Uhl w 1900 roku
Frida Uhl im Jahr 1900

An der Wand hing ein Foto von Frida, seiner Tochter. Er sah es an. Sie war eine selbstbewusste, lebhafte und intelligente Frau. Uhl erinnerte sich an ihren ersten veröffentlichten Artikel. Es war das Jahr 1891, und Frauen, die sich im Journalismus versuchten, wurden von oben herab behandelt. Selbst Fridas Ehemann beklagte sich in Briefen: "Sie schreibt Bücher! Das ist der Teufel!" Friedrich hatte jedoch eine etwas andere Meinung dazu. Er erlaubte seiner Tochter, ihren Artikel in der Wiener Zeitung zu veröffentlichen, und (oh Schreck) sah nichts Falsches daran, dass sie ihn unter ihrem eigenen Namen unterzeichnete, anstatt mit drei Sternen oder einem männlichen Pseudonym, wie es bisher in anderen Redaktionen üblich war. Er wusste, dass niemand ihm widersprechen würde. Selbst die Habsburger mussten ihn ernst nehmen. Er machte sich das zunutze. Dank seiner Entscheidung schrieb erstmals in der Geschichte der deutschen Medien eine Frau mit erhobenem Haupt Kolumnen! Kurz vor der Veröffentlichung brodelte es in der Hauptstadtelite. Die Salons wurden abwechselnd von einem Sturm aus Gerüchten, Empörung, Bewunderung, Kritik und Aufregung überflutet. Einige freuten sich, dass dieser Tag endlich gekommen war, andere konnten nicht glauben, dass jemand das erlaubt hatte. Uhl war jedoch hartnäckig und mutig. Nicht nur, dass er die missbilligenden Blicke ignorierte, sondern er entschied auch, dass der Artikel seiner Tochter auf das Titelblatt kommen sollte.

Der alte Friedrich lächelte das Foto von Frida an. Dann wandte er seinen Blick nach links. Dort hing das Bild seiner zweiten Tochter Maria. Auch sie widmete sich dem Journalismus und dem Schreiben. Wie ihr Vater und ihre Schwester blieb auch sie der Kritik standhaft. Sie veröffentlichte ein Stück über eine Frau in Hosen, die sich in Wilderei verstrickt hatte. Ihre Arbeit bewegte nicht nur Wien, sondern auch Bayern. Einige waren verliebt in den Mut der Töchter Uhls, andere glaubten, die Welt sei am Ende, und Uhl selbst sei verrückt geworden.


Die Töchter liebten ihren Vater. Er war für sie eine Autorität und eine Stütze. Als sie noch zusammen lebten, las Friedrich ihnen abends Literatur vor und erzählte Märchen. Oft bezog er sich dabei auf seine Heimat - das Teschener Schlesien. Auch mit seinen Enkelkindern verstand er sich gut. Der einzige Familienangehörige, mit dem er nicht gut auskam, war sein Schwiegersohn, August Strindberg, der schwedische Schriftsteller. Uhl hielt ihn für einen finanziellen Versager. Zu allem Übel genoss es Strindberg, Konflikte mit seiner Frau und seinem Schwiegervater zu beschreiben. Es dauerte nicht lange, bis die Ehe zwischen August und Frida zerbrach.

Rzeźba Neptuna w Wiedniu
Friedrich Uhl als Neptun in einer Skulptur seines Schwiegersohns Rudolf Weyr, geschaffen 1895 in Wien

Friedrich trat zu einem kleinen Tisch, auf dem eine Skulptur von bescheidenen Ausmaßen stand. Er nahm sie in die Hände. Er hatte sie zum 20-jährigen Jubiläum seiner Tätigkeit als Chefredakteur der Wiener Zeitung von Marias Ehemann Rudolf Weyr erhalten, der sein Leben als Bildhauer bestritt. Friedrich mochte diesen Schwiegersohn sehr. Weyr symbolisierte seine Freundschaft mit seinem Schwiegervater durch ein weiteres besonderes Monument. Im Auftrag der kaiserlichen Familie schuf er das Werk "Macht zur See", das direkt neben der Hofburg auf dem Wiener Michaelerplatz steht. Das Bild des Neptun in dieser Skulptur wurde von niemand anderem als von Uhl inspiriert. Bei dieser Erinnerung lächelte der alte Friedrich erneut. Er hatte einen würdigen Platz in der Hauptstadt erhalten, der kommenden Generationen an ihn erinnern sollte. (siehe Denkmal auf der Karte von Wien: https://goo.gl/maps/g2A58GkGxy8crSf58)


Durch das offene Fenster strömte die Frische des Frühlingsmorgens herein. Das Ende des Monats Mai in diesem Jahr verwöhnte die Wiener besonders mit reichlich Sonnenstrahlen. Wie jeden Tag um diese Zeit genossen die Wienerinnen und Wiener ihren Kaffee in Begleitung der neuesten Ausgabe der Wiener Zeitung. Diese Ausgabe war jedoch die letzte unter Uhls Leitung. Friedrich ging zu seinem Schreibtisch. Es war ein solides, mahagonifarbenes Werk eines geschickten Schreiners, das oben mit grünem Stoff bezogen war. Darauf lag die heutige Ausgabe der Wiener Zeitung mit Uhls Kolumne. Sie trug den Titel "Kaffeehäuser". Er sah sie mit einem Lächeln an. Die Erkenntnis, wie er behandelt worden war, ließ ihn ein weiteres Mal lächeln, besonders bei einem der ersten Sätze seines Textes: "Was die Regierung in unserem Land beschließt, wird immer nur halb umgesetzt, obwohl man in diesem Fall hinzufügen müsste, zum Glück". Er lächelte erneut. An diesem Tag fand er ironischerweise öfter Grund zur Freude als je zuvor.


Panorama Cieszyna z 1840 roku
Panorama von Teschen aus dem Jahr 1840, als Friedrich Uhl dort lebte. Quelle: fotopolska.eu

Als er eine weitere Zigarette anzündete, bemerkte er in der Vitrine neben der Landkarte die Veröffentlichung "Märchen aus dem Weichselthale". Dies war eine Sammlung von Geschichten, mit der er unter anderem sein Debüt in der Wiener Presse feierte, als er etwas über 20 Jahre alt war. Diese Märchen waren von seiner Heimat - dem Teschener Schlesien - inspiriert. Friedrich schloss die Augen. In seiner Vorstellung sah er seine Stadt - Teschen. Dort wurde er geboren, wuchs auf und fand Inspiration. Als Kind reiste er von Dorf zu Dorf und war von dem, was er sah, begeistert. Die grünen Hügel, die Sonne, die Vielfalt und den Stolz - all das beeindruckte ihn. Er zog mit 17 Jahren nach Wien, um zu studieren. Er sehnte sich nach seiner Heimat, daher widmete er seine ersten literarischen Arbeiten Geschichten, die zwischen der Olsa und der Weichsel spielten. Er nahm das Werk aus der Vitrine, das nun über 50 Jahre alt war. Er löschte seine Zigarette und schaute hinein. Er las halblaut "Der Zaubergarten" und begann zu lesen und zu erinnern. "Die Sonne ging über den Bergen auf, als der aufgeweckte kleine Johannes schnell aus dem auf der Küchenbank ausgebreiteten Decke sprang. Er sah das Bett seiner Eltern an und bemerkte mit Schrecken, dass es bereits leer war. Er lief aus dem Haus zum Bach, der neben ihrer Hütte floss. Er wusch sein Gesicht und seine Hände und kehrte dann zurück, um seinen Hut und den Hirtenrock zu holen, den er sich über die Schultern warf. Er rannte zum Schafstall, um die Schafe auf die Weide zu treiben" - so begann dieses Märchen. Er erinnerte sich an die Figuren seiner Eltern, Josef und Franziska Uhl. Sein Vater starb im selben Jahr, in dem Friedrich seinen ersten Erfolg feierte, als er "Märchen aus dem Weichselthale" in der Wiener Zeitung veröffentlichte. Seine Mutter starb, als er nur 9 Jahre alt war. Zuerst kümmerte sich die zweite Frau seines Vaters um ihn, und nach ihrem Tod die dritte - Maria Diettrich, die später auf der Oberen Mühltorstraße wohnte und vor zehn Jahren starb. Die Gestalt dieses Paares erschien vor seinen Augen. In traditionellen Teschener Trachten gekleidet, marschierten sie zum Schlossberg, wo das neu errichtete Habsburger-Jagdschloss feierlich eröffnet wurde. Hinter ihnen folgte ebenfalls festlich gekleidet, auch in teschener Tracht, der 15-jährige Friedrich mit seinen Geschwistern. Bei dieser Erinnerung vergoss Uhl eine Träne. Er vermisste diese sorglose Kindheit. Jetzt ruhten Vater, Mutter und Stiefmutter bereits auf dem städtischen Friedhof neben der Kirche St. Georg (heute Liburnia Park). Er besuchte die Stadt regelmäßig, um Blumen auf ihr Grab zu legen. Ihm lag daran, dass dieser Ort angemessen an seine Eltern erinnerte.


Willa Uhla w Mondsee
Das moderne Erscheinungsbild der Villa Uhla in Mondsee, in der Friedrich bis zu seinem Tod lebte

Friedrich holte tief Luft. Er steckte eine Ausgabe der "Märchen aus dem Weichselthale" unter seinen Arm und machte sich auf den Weg zur Tür. Er wollte das Abschiednehmen nicht unnötig verlängern. Vor ihm lag der wohlverdiente Ruhestand. Er plante, ihn in Mondsee (Oberösterreich) zu verbringen, wo er eine luxuriöse Villa besaß. Er hatte nicht vor, mit dem Schreiben aufzuhören, und der neue Chefredakteur der Wiener Zeitung, Oskar Teuber, hatte nicht vor, ihm dabei Steine in den Weg zu legen. Durch jahrelange Arbeit hatte sich Uhl den Ruf eines versierten Journalisten erarbeitet. Er hatte mit bekannten Schriftstellern und Meinungsmachern aus ganz Europa zusammengearbeitet. Obwohl er seine Position als Chefredakteur verloren hatte, wagte niemand auch nur daran zu denken, ihm das Schreiben zu verbieten.


Młody Friedrich Uhl w 1848 roku
Friedrich Uhl im Jahre 1848

Er verließ sein Büro. Vor der Tür standen viele Frauen und Männer. Mitarbeiter und Leser. Sie respektierten und bewunderten ihn. Sie waren sich bewusst, wie viel die Zeitung Uhl zu verdanken hatte. Sie waren sich bewusst, wie viel er Wien und dem ganzen Reich schuldete. Laute Beifallsrufe erschallten. Friedrich verbeugte sich. Er fühlte sich nicht besiegt. Er hatte einen positiven Einfluss auf den Kurs, den der Journalismus eingeschlagen hatte. Als er ging, sah er noch einmal Neptun an, dessen Gesicht ihn an jemanden erinnerte. Der behauene Stein starrte auf das Gebäude der Wiener Zeitung. "Pass auf sie auf", sagte Uhl, stieg dann in die Kutsche und begann seine Reise in den Ruhestand.


Autor: Jonasz Milewski




Postscriptum:

Friedrich Ulh (geboren am 14. Mai 1825 in Teschen; gestorben am 20. Januar 1906 in Mondsee) war einer der am längsten amtierenden Chefredakteure der Wiener Zeitung. Er war ein herausragender Journalist, Schriftsteller und Kolumnist. Während seiner Amtszeit wurde die Zeitung Wiener Zeitung zu einem wichtigen und meinungsbildenden Medium, insbesondere im Bereich der Kultur.


Wiener Zeitung ist eine führende österreichische Zeitung, die seit 1703 erscheint. Sie war die älteste noch existierende Zeitung der Welt. Aufgrund einer Entscheidung der Regierung der Republik Österreich wurde die Zeitung am 30. Juni 2023 nach 320 Jahren eingestellt.


Der Friedhof, auf dem die Eltern von Uhl begraben wurden, wurde in den 1960er Jahren verwüstet und im Jahr 1973 aufgelöst. Heute befindet sich an dieser Stelle der Park Liburnia.


Bibliografie:

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